Das „Häusl“ in der Schleifmühlgasse


Die schönen Kindheitserinnerungen des Braunauers Albert Gigl geschrieben um 1900 geben uns einen interessanten Einblick in die damals etwas fragwürdigen Hygienebedingungen in der Stadt am Inn. Diese amüsante Geschichte zeigt sehr deutlich, dass der Stadtbach nicht nur eine wichtige Lebensader darstellte, sondern manchmal auch eine lebensrettende Funktion innehatte.

„Da unten im Grab‘n ist das öffentliche Wannenbad vom „Schneider Wirt“ und dort links, das vom Garten aus über den Stadtbach gebaute, auf vier „Stemp‘m“ gebaute „Häusl“, extra erbaut für das dringende Bedürfnis der Badegäste nach mehreren Krügerln Bier. Schon zu damaliger Zeit gab es in Braunau am Inn fortschrittliche Toiletten mit fließend Wasser. Allerdings ohne architektonische Übertreibung zweckentsprechend einfach und doch schon hochmodern für Damen und Herren eingerichtet.

Das Häusl in der Schleifmühlengasse
Abbildung: Die ehemalige Badeanstalt in der Schleifmühlgasse (Archiv Renate Hoerner)

Der erste rechts von diesem idyllischen Häusl stehende Apfelbaum hat „Jakobiäpfel“ und der zweite hat „Zigeuneräpfel“. Man sieht, dass ich auch für heimische Obstkultur Interesse und Verständnis habe. Nur einem glücklichen Einfall habe ich es zu verdanken, dass ich heute noch am Leben bin. Die „Schneiderwirtin“ versprach mir auf das bestimmteste das „Ohrwaschlausreißen“ und ihr Mann der Gemütsmensch versprach mir auf diese mittelalterliche Prozedur das „Derschlagen“.

Ich war nur auf dem Apfelbaum, um zu schauen, ob die Jakobiäpfel schon reif sind. Ich schwöre, ich habe in meinem ganzen Leben nie einen Apfel gestohlen. Leider habe ich an diesem Unglückstage nachlässigerweise nicht im Kalender nachgesehen. Es war ein Freitag und noch dazu der Dreizehnte. Ich bin ja nicht abergläubisch, aber seit diesem Tag trau ich mich an einem Freitag oder an einem dreizehnten nichts mehr zu unternehmen.

Die „Schneiderwirtin“ kam mit einem Mordsgeschrei: „Gehst aba vom Bam du Elendsmistbua, i reiß da auf da Stell d‘Ohrwaschl aus“. Zu meinem größten Entsetzen sah ich vom Baum aus ihren Mann im Laufschritt kommen. Todesmutig sprang ich vom Apfelbaum herunter und flüchtete, weil mir der Ausweg versperrt war, in das Abteil für Herren. Knapp hatte ich noch soviel Zeit die diskrete Tür zu verriegeln, bevor der Schneiderwirt schnaufend ankam. Er hatte in diesem Abteil wohl auch ganz dringend zu tun, denn er schlug mit den Fäusten und Füßen so kräftig an die Tür, dass der ganze Pfahlbau bebte. „Kathi bring ma a Hackl“, schrie er wütend „eini muaß i und wanns ganze Häusl in Frans‘n geht. Den Buam derschlag i.“

Das Häusl in der Schleifmühlengasse

Abbildung: Der zornentbrannte Schneiderwirt im Einsatz (Ansichtskarte)

Aus dieser Äußerung hab ich entnommen, dass sich der Schneider mit meiner Person einigermaßen beschäftigen wollte. Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn, als sich die Holzhacke zum Türspalt hereinzwängte. Ich vernahm noch das Krachen und Splittern der Holztür, aber ich war Gott sei Dank nicht mehr drinnen. Um unbehelligt ins Freie zu kommen. musste ich unter den denkbar schlechtesten klimatischen Verhältnissen durch unbeschreibliche Gebiete meinen Weg nehmen. Und so rettete mir der gute alte Stadtbach in doppelter Hinsicht mein Leben." (Braunauer Heimatkalender für das Jahr 1927)